Das Stundengebet

Zu den wichtigsten liturgischen Gebetsformen in der katholischen und orthodoxen Kirche zählt das Stundengebet, das sich bereits im frühen Christentum etabliert hat.


Was ist das Stundengebet?

Als Stundengebet (lat. liturgia horarum), auch Tagzeitenliturgie, Offizium, Officium divinum („göttlicher Dienst“) oder Brevier (von lat. breve „kurz“) genannt, wird in das den Tagesablauf begleitende Gebet des Klerus und klösterlichen Gemeinschaften in der kirchlichen Tradition bezeichnet. Die Kleriker und Ordensleute sind angehalten täglich einen Teil des Stundengbets zu verrichten. In den Ordensgemeinschaften wird das gemeinschaftliche Stundengebet auch Chorgebet genannt. Mit dem begleiteten Tagzeitengebet kommt die Kirche der biblischen Aufforderung nach ohne Unterlass zu beten (vgl. 1 Thess 5,17). Auch in der anglikanischen und evangelischen Kirche sowie in den Ostkirchen wird das Stundengebet gepflegt.
Während das Stundengebet in der Ostkirche immer eine zentrale Rolle im Gemeindeleben spielte, entwickelte es sich in der Westkirche zum Gebet des geweihten Standes und der Ordensleute.



Historische Entwicklung des Stundengebets

StundengebetSeinen Ursprung hat das kirchliche Stundengebet in den Traditionen des Judentums. Bereits dort war es üblich sich dreimal täglich zum Gebet zu versammeln (Schacharit, Mincha und Maariw). Daraus enstand in der frühen Kirche die Vorstufe zum heutigen Stundengebet, die zu Anfang eher den Charakter eines Gottesdienstes hatte, bei dem jüdische Traditionen wie das Beten der Psalmen aufgegriffen wurde und mit christlichen Hymnen und Vaterunser angereichert wurden.
Mit dem Aufkommen des Mönchtums und der Gemeinschaften von geweihten Jungfrauen im 3. Jahrhundert gewann das Stundengebet immer stärkere Bedeutung. In den frühen klösterlichen Gemeinschaften, die aus dem Zusammenschluss einzeln lebenden Eremiten bestanden, wurde die Vorform des heutigen Stundegebets zu einem wesentlichen Teil des Tages. Dazu am Abend versammelten sich die Mönche zweimal täglich (am frühen Morgen und am Abend). Diese Gebetszeiten bestanden aus zwölf Psalmen, die von einem Lektor vorgetragen wurden. Nach jedem Psalm folgte ein, eine Stillgebet sowie eine Oration. Am Ende folgte eine Schriftlesung aus Altem und Neuen Testament. Parallel zum monastischen Offizium entwickelte sich in dieser Zeit auch das „Kathedraloffizium“, das in den frühchristlichen Gemeinden gebetet wurde, weil es noch keine tägliche Eucharistiefeier gab. Der Unterschied bestand hauptsächlich in der Auswahl auf den Anlass bezogener Psalmen sowie durch eine feierlichere Ausgestaltung des Gebets (z.B. gab es zur Vesper einen Lichtritus und es Weihrauch zum Einsatz).

Im Zuge der Gründung des Benediktinerordens (im Jahr 529 durch Benedikt von Nurisa) und dem Verfassen der Benediktsregel, entwickelte sich das Stundengebet stärker in Richtung seiner heutigen Form: Es gab ab nun sieben Horen pro Tag sowie eine nächtliche Hore. Die Auswahl der 150 Psalmen wurde in einem einwöchigen Turnus für jede Hore festgelegt, dabei kam jeder Psalm in jeder Woche mindestens einmal vor. Außerdem wurden die Psalmen zusammengefasst, im Anschluss an diese ein Responsorium eingefügt (in kleinen Horen ein Versikel) und jeder Hore ein Hymnus sowie ans Ende Fürbitten, das Vaterunser und eine abschließende Oration hinzugefügt.

Im 11. Jahrhundert wurde das Stundengebet (lat. officium = Dienst, Pflicht) dann in der Westkirche für alle Kleriker (Diakone, Priester und Bischöfe) verpflichtend. Das Konzil von Trient (1545-1563) regelte dann den Inhalt und Ablauf des Stundengebets für die gesamte Kirche einheitlich. Im Jahr 1911 unterzog Papst Pius X. das Stundengebet einer gründlichen Reform. Im Zuge der Liturgiereform durch das 2. Vatikanische Konzil (1962-1965) wurde auch für das Stundengebet die bis dahin vorgeschriebene Sakralsprache Latein gelockert und die jeweiligen Landessprachen zugelassen. Ebenfalls wurden im Rahmen dieser Liturgiereform von 1970 auch die Anzahl der zu betenden Horen eingekürzt (Lesehore, Laudes, Vesper, Komplet und eine der kleinen Horen).

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=4ctuOMf-9WA

Die gesungene „Komplet“ von den Benediktinern als Gregorianischer Choral zum Anhören


Stundengebet in der Liturgie

Als die beiden wichtigsten Horen im Stundengebet gelten das Morgenlob (Laudes) sowie das Abendlob (Vesper), die in feierlicher Form verrichtet werden können. Besonders die Vesper wird in der kirchlichen Liturgie sehr feierlich begangen, häufig als Wortgottesdienst mit sakramentalen Segen, dem Einsatz von Weihrauch sowie dem feierlichem Gesang der Psalmen / Cantica, des Magnificat und der marianischen Antiphon verbunden. Dabei wird die Vesper zumeist an Sonn- und Feiertagen in großen Kirchen und Kathedralen als Gottesdienstfeier gebetet. Diese Tradition geht bereits auf das frühchristliche „Kathedraloffizium“ zurück, bei dem häufig die Vesper mit zusätzlichen liturgischen Elementen in Bischofskirchen von der ganzen Gemeinde feierlich begangen wurde. In der frühen Kirche war die Stundenliturgie eine Gemeindeliturgie.


Stundengebet - Chorgestühl / Chorraum


Aufbau des Stundengebets

Westkirche

Die Tagzeitenliturgie in der römisch-katholischen Kirche untergliedert sich in die folgenden einzelnen Horen, die im Abstand von drei Stunden gebetet werden:

  • Lesehore / Vigil (früher Matutin)
  • (Prim → Gebet zur ersten Stunde)
  • Laudes (Morgengebet)
  • Terz (Gebet zur dritten Stunde)
  • Sext (Gebet zur sechsten Stunde)
  • Non (Gebet zur neunten Stunde)
  • Vesper (Abendgebet)
  • Komplet (Nachtgebet)

Die erste Hore des Tages wird immer durch das Invitatorium eröffnet. Im Zuge der Liturgiereform durch das 2. Vatikanische Konzil wurde aus der Matutin die Lesehore, die nun weniger Psalmen und mehr Lesungen enthält. Die Prim ist ganz entfallen.

Die einzelnen Horen sind im Stundengebet dabei wie folgt strukturiert:

  • Eröffnung
  • (Gewissenserforschung, Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte) → in der Komplet
    Hymnus
  • drei Psalmen oder Cantica mit Antiphonen
  • Kurzlesung (Ausnahme Lesehore: statt der Kurzlesung folgen hier zwei größere Lesungen aus der Heiligen Schrift, Biografien von Heiligen (auch hagiographische Lesung) oder Kommentare aus Texten von den Kirchenvätern, die jeweils mit einem Responsorium abgeschlossen werden)
  • Responsorium („Wechselgesang“ als Antwortgesang) → Ausnahme Lesehore: Vor Sonntagen, Festen oder Hochfesten wird nach dem letzten Responsorium das Te Deum angestimmt. Wird die Lesehore zur Vigil erweitert, schließen sich an das Responsorium der zweiten Lesung drei Cantica, das Evangelium sowie das Te Deum an.
  • in der Laudes wird das „Benedictus“, in der Vesper das „Magnificat“ und in der Komplet das „Nunc dimittis“ gebetet bzw. gesungen, die jeweils mit einer Antiphon eingerahmt sind
  • nur in Laudes und Vesper: Fürbitten und Vater unser
  • Oration
  • Segensbitte
  • (Marianischen Antiphon) → in Vesper oder Komplet

In den monastischen Klöstern besteht häufig eine eigene Ordnung, nach der gebetet oder gesungen wird und die sich in einigen Teilen von der des römischen Breviers unterscheiden kann.


Ostkirche

Der Aufbau des Stundengebtes in der orthodoxen Kirche (byzantinischer Ritus) sieht wie folgt aus. Dabei beginnt der Tageslauf mit der Vesper bei Sonnenuntergang:

  • Hesperinos: Abendgebet bei Sonnenuntergang
  • Apódeipnon: vor dem Zubettgehen. Meditation über den letzten Schlaf, den Tod.
  • Mesonyktikon: Mitternachtsgebet in Klöstern
  • Orthros: Gebet bei Sonnenaufgang
  • Prōtē Hōra: Gebet zur ersten Stunde, etwa um sechs Uhr morgens. Meditation über die Schöpfung.
  • Tritē Hōra: Gebet zur dritten Stunde, um neun Uhr morgens. Meditation über das Herabkommen des Heiligen Geistes an Pfingsten.
  • Hektē Hōra: Gebet zur sechsten Stunde, mittags. Meditation über die Kreuzigung Christi.
  • Enatē Hōra: Gebet zur neunten Stunde, drei Uhr nachmittags. Meditation über den Tod Christi.

Sieben Mal am Tag singe ich dein Lob. Eine Einführung in das Stundengebet der Mönche
Angebot Gepriesen sei der Herr: Das Stundengebet aus der Benediktinerinnenabtei Laufzeit ca. 70 Minuten

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