Ruhegebet

Zu den alten christlichen Gebetsformen gehört das Ruhegebet, das seinen Ursprung bei den Wüstenvätern hat.


Was ist das Ruhegebet?

Beim Ruhegebet (auch Ein-Wort-Gebet genannt) handelt es sich um eine meditative Gebetsform, die auf den Wüstenvater Johannes Cassianus (360–435) zurückgeht. Im Ruhegebet geht es darum, auf alles bewusste Denken zu verzichten und sich mittels der Wiederholung einer einfachen Gebetsformel („formula pietatis“), immer zurück zu besinnen und abschweifende Gedanken vorbeiziehen zu lassen. Diese Gebetsform soll Menschen letztlich dabei helfen, Körper und Geist in Einklang miteinander zu bringen und sich ganz auf Gott hin auszurichten. Das Ruhegebet ist eine Vorform des ostkirchlichen Jesusgebets (Herzensgebet) und spielte besonders im frühchristlichen Eremitentum eine wichtige Rolle in der Gottesbeziehung der Wüstenväter. Im Unterschied zum Herzensgebet achtet der Beter nicht auf seinem Atem, sondern lässt alle Aufmerksamkeit los. Das Ziel des Ruhegebets ist die „Hesychia“ (zu deutsch: Ruhe), um auf diese Weise den Beter für Gott zu öffnen.



Wie ist das Ruhegebet entstanden?

Hl. Johannes Cassianus
Hl. Johannes Cassianus

Der heilige Johannes Cassianus, der maßgeblich als „Erfinder“ des Ruhegebets gilt, hat diese Form des Betens vermutlich selbst von anderen Wüstenvätern in der ägyptischen Wüste erlernt und in seinen Schriften („Collationes patrum“ → 24 Unterredungen mit den Vätern) festgehalten. Das schriftliche Werk des hl. Cassian zählt zu den bedeutendsten Werken der frühchristlichen Theologie und hat große Theologen wie u.a. Ignatius von Loyola oder Thomas von Kempen beeinflusst.

In der Gegenwart erfährt das Ruhegebet dank geistlicher Autoren wie Peter Dyckhoff wieder zu einer neuen Beliebtheit und bietet eine gute christliche Alternative zu asiatischen Meditationsformen wie dem Zen (Zazen) oder dem Yoga (besonders Hatha-Yoga).


Wie wird das Ruhegebet praktiziert?

Wüstenväter - Ruhegebet / Glutgebet
Versammlung von Wüstenvätern

Wie beim Herzensgebet verinnerlicht der Beter auch beim Ruhegebet ein Gebetswort (z.B. aus Psalm 70,2: „Komm, Gott, und hilf mir!“ oder den Namen „Jesus Christus“) durch ständige Wiederholung im Geist (ähnlich wie ein Mantra). Der heilige Johannes Cassianus hat etwa 30 verschiedene Gebetswörter von den Wüstenvätern überliefert. Die Grundhaltung des Beters ist die des Empfangenden der sich auf Gott verlässt und die Hingabe an Gott einübt. Er versucht sich durch die Wiederholung des Gebets auf Gott hin auszurichten und versenkt sich ganz in diese Worte. Beim Ruhegebet lässt der Beter alle Aufmerksamkeit los, alles Denken, alle Vorstellungen und Erwartungen. Egal, welche Art von Gedanken uns vom Gebet abzulenken suchen, wir lassen sie vorbeiziehen und verweilen im Gebetswort. Schon die Wüstenväter berichten uns, dass in der Stille auch häufig böse Gedanken in uns aufkommen. Diese gilt es gänzlich zu ignorieren. Die ständige innerliche Wiederholung des Gebets reinigt uns allmählich und lässt schließlich wahre Ruhe in unser Herz einziehen. Je mehr wir zu dieser inneren Ruhe gelangen, desto stärker kommt dann auch das Feuer bzw. die Glut in der Sehnsucht und Liebe zu Gott immer mehr zum Vorschein. Das Gebet läutert uns gleichsam und macht den Blick frei auf Jesus Christus. Im Gläubigen wird durch diese Form des Betens das Verlangen nach Jesus Christus als inneres Feuer geweckt.

Anleitung zum Ruhegebet

Wie funktioniert nun das Ruhegebet konkret? Du kannst nach folgenden Schritten vorgehen:

  1. Das Gebet wird in der Regel 1 bis 2 Mal täglich etwa 20 Minuten lang verrichtet. Die Gebetshaltung für das Ruhegebet ist das Sitzen. Während des Gebets werden zudem die Augen geschlossenen.
  2. Wähle Dir ein Gebetswort aus, dass Dich besonders anspricht (siehe Liste unten), wobei sich für Anfänger eher ein kurzes Wort empfiehlt.
  3. Beginne das Gebet mit einem Kreuzzeichen.
  4. Jetzt versenkst Du Dich in das ausgewählte Gebetswort (ohne Reflexion und Konzentration auf das Wort) und es innerlich zu wiederholen, allerdings ohne Dich dabei auf den Atem zu konzentrieren.

Gebetsworte / Gebetsformeln

Folgende Gebetsworte werden traditionell für das Ruhegebet verwendet, aus denen sich der Beter ein für sich passendes Wort auswählen kann:

Abba,
Adonai,
Christos,
Dein Wille Geschehe,
Gott komm mir zur Hilfe, Herr eile mir zu helfen,
Herr erbarme dich,
Herr erbarme dich meiner,
Herr erbarme dich unser,
Herr Jesus,
Herr Jesus Christus,
Herr Jesus Christus erbarme dich meiner,
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes,
Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich unser,
Herr Jesus Christus,Sohn Gottes, erbarme dich meiner,
Herr Jesus Christus,Sohn Gottes, erbarme dich meiner, des Sünders,
Herr Jesus, Christus, erbarme dich unser,
Immanuel,
Jesus,
Jesus Christus,
Jesus Christus erbarme dich meiner,
Jesus Christus erbarme dich unser,
Jesus Christus, Sohn Gottes,
Jesus erbarmen,
Jesus, Du,
Jesus, Herr,
Jesus, Liebe,
Jesus, Messias, Sohn Gottes,
Jesus, Sohn Davids erbarme dich meiner,
Komm, Herr Jesus,
Kyrie eleison,
Maranatha,
Mein Gott und mein alles


Das Ruhegebet einüben

Quellen:

  • Bittner, Marcus: Nachhaltiges Beten; In: marcusbittner.wordpress.com, URL: https://marcusbittner.wordpress.com/2009/11/20/nachhaltiges-beten/ (Stand: 20.11.2009)
  • Blum, Georg Günter: Die Geschichte der Begegnung christlich-orientalischer Mystik mit der Mystik des Islams, Wiesbaden 2009, S. 209f.
  • Dyckhoff, Peter: Geheimnis des Ruhegebets; Freiburg im Breisgau 2016.

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