Mystagogie

Wir können Gott sowohl in der Liturgie der Kirche als auch im Alltag – sei es in der Stille oder im persönlichen Gebet – erfahren. Mystagogie ist dabei die bewusste Hinführung zu dieser Erfahrung des Mysteriums Gottes. Besonders die kirchliche Liturgie erweist sich dabei als probates mystagogisches Werkzeug:

Die Symbole der Liturgie sind die ‚Mystagogie‘ im Sinne der Patristik, die in die Vorhöfe der göttlichen Wahrheit einführen. Sie sind der Leitfaden für die Sinne und den Verstand des Gläubigen. Wir können zu den göttlichen Wirklichkeiten nicht ohne eine der Menschwerdung entsprechende Herablassung Gottes gelangen. Die Liturgie (re-)präsentiert die Geheimnisse für die Augen der Seele, sie gibt den Rahmen ab, in dem die Bedeutung des Wortes aufscheint. Um die göttlichen Dinge richtig ‚lesen‘ zu können, muss man darin herangebildet werden, wie die Liturgie und die in ihr enthaltenen Wahrheiten zu ‚lesen‘ sind – eine Fähigkeit, die man zum großen Teil durch gut vorbereitete Predigten in der hl. Messe und kontinuierliche Katechese außerhalb der Messe erwirbt.1


Was ist Mystagogie?

Das Wort „Mystagogie“ leitet sich vom griechischen „μυσταγογός“ ab, was sich mit „Geleit in die Geheimnisse“ übersetzen lässt, und bezeichnet eine besondere Einführung in den christlichen Glauben bzw. in das Geheimnis der christlichen Liturgie.

Besonders über die kirchliche Liturgie kann der Mensch mit Gott in Kontakt treten. Dieser kommt dem Menschen nicht nur im Sakrament der Eucharistie nahe, sondern die Liturgie spricht die verschiedenen menschlichen Sinne auch aufgrund ihrer einzigartigen Beschaffenheit an:

  • Sehen: Die Augen schauen die kunstvoll ausgeschmückten Kirchräume, die Feierlichkeit der Liturgie mittels edler Paramente oder die Ästhetik in den liturgischen Handlungen.
  • Hören: Die Ohren vernehmen die erhebenden Gesänge (z.B. den Gregorianischen Choral), lauschen der Sakralsprache Latein im liturgischen Vollzug, hören das Wort Gottes sowie die Auslegung desselben in der Predigt und lassen sich mitnehmen vom Wechsel zwischen stillen und laut gesprochenen Gebeten.
  • Riechen: Die Nase nimmt den edlen Duft von Weihrauch und Myrrhe auf, der als Opfer und Gebet gleichermaßen dargebracht wird.

Diese Elemente sind besonders im außerordentlichen Ritus oder in den alten Riten der orientalischen sowie den orthodoxen Kirchen ausgeprägt. Um auf einen Neuaufbruch in der katholischen Kirche hinzuwirken, ist eine Wiederbelebung des klassisch-römischen Ritus in Verbindung mit einer Verkündigung der ungekürzten kirchlichen Lehre unumgänglich.


Entwicklung des Mystagogiebegriffs

Ursprünglich stellt Mystagogie eine Grundvorstellung zur Initiation in die „verborgenen Wirklichkeiten“ der antiken Mysterienreligionen dar.2 In der frühen Kirche diente der Begriff „Mystagogie“ vor allem als Bezeichnung für eine tiefere katechetische Einführung von Neugetauften in die Sakramente.3 Allerdings wurde hier jene Einführung nicht im Sinne des späteren Katechismusunterrichts verstanden, sondern es stand primär die Erfahrung bei der „sakramentalen Initiation“ im Vordergrund.4 Dabei waren es besonders „die Homilien in den Messfeiern der Osterwoche, in denen eine tiefere Einführung in Gestalt und Gehalt der empfangenen Initiationssakramente gegeben wurde5“. Diese „mystagogischen Katechesen“ (bzw. Homilien) wurden im Osten vor allem durch Asterios Sophistes (gest. nach 341), Johannes Chrysostomos (344/349-407), Theodoros von Mopsuestia (350-428/29) sowie Cyrill von Jerusalem (315-386) und im lateinischen Westen durch Ambrosius von Mailand (339-397) und Augustinus (354-430) vertreten.6

Nachdem es über Jahrhunderte hinweg um den Begriff der „Mystagogie“ ruhig bestellt war, kam es im 20. Jahrhundert zu dessen Renaissance aufgrund einer einsetzenden Rückbesinnung auf die Erfahrung mit dem Transzendenten. Ausschlaggebend hierfür war die liturgische Bewegung zu Beginn jenes Jahrhunderts, die „durch das Bemühen um einen lebendigen Vollzug der offiziellen Liturgie der Kirche charakterisiert war7. Hier forderte vor allem Odo Casel8, dass die Mysterien der Kirche wieder ihren „gebührenden Platz im Leben der Christen9 einzunehmen hätten. Dabei müsste das eigentliche Wesen der Mysterien, welches in der „Christusvereinigung“ liegt zum Bewusstsein gebracht werden.10 So bedeutet für Casel das „Mysterion“ ursprünglich nicht eine Lehre, sondern stattdessen eine kultisch-mystische Erfahrung des Transzendenten, welche sich mittels der Vernunft nicht beschreiben lässt.11 Er begreift es vielmehr als „die volle göttliche Wirklichkeit, die schon jetzt gegenwärtig und doch noch unter Symbolen verborgen ist12. Die Erfahrung Christi und dessen Anwesenheit in der Liturgie bzw. im Sakrament ist nach ihm der Kern des christlichen Glaubens.13 Etwas später griff dann Karl Rahner, der sehr stark vom ignatianischen Denken beeinflusst war, den Mystagogie-Begriff auf und löste ihn letztlich aus der engeren Bestimmung des spätantiken Verständnisses, indem er diesen im Hinblick auf alle kirchlichen Vollzüge ausweitete. So deutet er Mystagogie als Weg, den der Mensch beschreitet, um sich Gott als Geheimnis seines Lebens anzunähern.14 Nach Rahner besteht also demnach das Ziel der Mystagogie in der Hinführung des Menschen zur Gotteserfahrung.15

Somit bezeichnet Mystagogie im heutigen Sprachgebrauch einerseits die „katechetische Einführung erwachsener Neugetaufter16 und andererseits die Hinführung zur Erfahrung des Mysteriums Gottes17. Dabei betreibt Mystagogie keinen „Import Gottes, sondern [bringt] den Menschen vor jenen Gott…, der im Grunde in seinem Leben immer schon anwesend ist18. Das Ziel ist die Hinführung des Menschen zu einer „bewusst erfahrenen, ganzheitlich gelebten und so auch heilend wirkenden Teilhabe am Geheimnis der Liebe Gottes, die sich schöpferisch und erlösend unserer Wirklichkeit mitteilt19.


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Quellenangaben

  1. Kwasniewski, Neuanfang inmitten der Krise, 177.
  2. Vgl. Wollbold, Art. Mystagogie. Systematisch-theologisch, 570.
  3. Vgl. Fischer, Art. Mystagogie, 902.
  4. Vgl. Kiehl, Mystagogie und Symboldidaktik, 39f.
  5. Berger, Handlexikon, 359.
  6. Vgl. ebd., 359.
  7. Zinkevičiūtė, Rahners Mystagogiebegriff, 53.
  8. Odo Casel OSB (* 27. September 1886 in Koblenz; † 28. März 1948 in Herstelle) war Benediktiner und Liturgiewissenschaftler. Er galt als einer der führenden Köpfe der Liturgischen Bewegung und war Mitbegründer der Mysterientheologie. Nach seinem Eintritt in die Benediktinerabtei Maria Laach im Jahr 1905 studierte er von 1908 bis 1912 im internationalen Benediktinerkolleg Sant’ Anselmo in Rom katholische Theologie. Darauf schloss er in den Jahren 1913 bis 1918 in Bonn das Studium für Klassische Philologie an. Seit dem Jahr 1922 war er Spiritual der Benediktinerinnenabtei in Herstelle (bei Höxter) und leistete dabei einen entscheidenden Beitrag zu deren Aufbau sowie Entfaltung (vgl. Bautz, Casel, 946f).
  9. Casel, Mysterium der Ekklesia, 183.
  10. Vgl. Zinkevičiūtė, Rahners Mystagogiebegriff, 58.
  11. Vgl. Casel, Glaube, Gnosis, Mysterium, 124.
  12. Zinkevičiūtė, Rahners Mystagogiebegriff, 59.
  13. Vgl. Ebd., 59.
  14. Vgl. Heinz, Mystagogie, 81.
  15. Vgl. ebd., 81.
  16. Fischer, Art. Mystagogie, 902.
  17. Vgl. Kroll, Himmel über Berlin, 100.
  18. Zulehner, Seelsorge heute, 52.
  19. Kehl, Mysterium caritatis, 280.

Literaturverzeichnis

  • Bautz, Friedrich Wilhelm: Casel, Odo, In: Bautz, Friedrich Wilhelm (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 1; Nordhausen 1990, 946-947.
  • Berger, Rupert: Neues Pastoralliturgisches Handlexikon; Freiburg Basel Wien 1999.
  • Casel, Odo: Glaube, Gnosis, Mysterium; Münster 1941.
  • Casel, Odo: Mysterium der Ekklesia. Von der Gemeinschaft aller Erlösten in Christus Jesus; Mainz 1961.
  • Fischer, Balthasar: Art. Mystagogie, In: Schütz, Christian (Hg.): Praktisches Lexikon der Spiritualität; Freiburg im Breisgau 1988, 902-904.
  • Heinz, Andreas u.a.: Mystagogie – geistliche Erschließung des Gottesdienstes, In: Liturgisches Jahrbuch 56 (2006), 81-82.
  • Kiehl, Peter Matthias: Mystagogie und Symboldidaktik – Neue Wege des religiösen Lernens, In: Lutherische Theologie und Kirche 29 (2005), 38-51.
  • Kroll, Thomas: Der Himmel über Berlin – Säkulare Mystagogie? Wim Wenders Spielfilm als Herausforderung für die praktische Theologie; Berlin 2008.
  • Kwasniewski, Peter A.: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung der Kirche; Tremsbüttel 2017.
  • Wollbold, Andreas: Art. Mystagogie. I. Systematisch-theologisch, In: Kasper, Walter u.a. (Hg.): Lexikon für Theologie und Kirche 7; Freiburg im Breisgau ³1995, 570-571.
  • Zinkevičiūtė, Renata: Karl Rahners Mystagogiebegriff und seine praktisch-theologische Rezeption; Frankfurt am Main 2007.
  • Zulehner, Paul M.: Zur Theologie der Seelsorge heute. Paul M. Zulehner im Gespräch mit Karl Rahner; Düsseldorf ²1984.
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Letzte Aktualisierung am 5.12.2019 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API