Liturgie als Weg zu Gott

Die Liturgie ist ein Überschreiten des alltäglichen Lebens und soll das Übernatürliche aufleuchten lassen. Mit dieser Charakterisierung von Liturgie durch Papst Benedikt XVI. soll in folgendem Beitrag der Blick auf die wesentlichen Elemente von Liturgie geworfen werden, die sich besonders im klassisch-römischen Ritus ausmachen lassen. Die überlieferte Liturgie eignet sich ausgesprochen gut dafür, den Menschen Gott im Gottesdienst näher zu bringen.

Wie finde ich Gott?

Im Christentum bietet uns die über Jahrhunderte lang gewachsene Liturgie mit ihren vielfältigen Facetten einen besonderen Zugang zu Gott. Sowohl der überlieferte Ritus der Westkirche als auch die verschiedenen Riten der Ostkirchen können aufgrund ihrer Feierlichkeit und ihres Reichtums an Symbolen dabei helfen die Menschen aus ihrer Alltäglichkeit herauszureißen, sie mit Gott in Berührung zu bringen und ihnen eine Vorahnung auf die himmlische Herrlichkeit zu geben. Im folgenden sollen deshalb wichtige Elemente in der Liturgie erörtert werden, die aufgrund ihrer Besonderheit zu Gott hinführen können. Diese Elemente sind in der überlieferten Form des römischen Ritus sehr präsent.

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Ausschnitt einer Hl. Messe im außerordentlichen Ritus (Klosterkirche Oberelchingen)


Liturgie als Türöffner zum Himmelreich

Unter dem Joch der weltlichen Vernunft haben wir vergessen, dass das Heilige und der Kult die einzigen Eingangstüren zum geistlichen Leben sind.1 Diese Worte von Robert Kardinal Sarah geben uns einen starken Hinweis auf die eigentliche Bedeutung von Liturgie. Der Mensch wird durch die Liturgie aus seiner alltäglichen Welt herausgehoben und tritt in eine Art Grenzbereich ein. Dabei ist Liturgie als „kontinuierliche Arbeit von Jahrhunderten2 und nicht als „die schlagartige Abfolge zeitgenössischer Improvisierung3 zu verstehen, bei der die Menschen, sobald sie den „sakralen raumzeitlichen Bereich“ betreten, nicht mehr an die „profanen Strukturen ihrer Zeit4 gebunden sind. Stattdessen stellen sie sich der „von allen Zeitpunkten gleich weit entfernten Ewigkeit5. In ähnlicher Weise deutet auch Dom Gérard Calvet OSB6 die Eigentümlichkeit von Liturgie:

Die Liturgie tut mehr, als uns die Herrlichkeiten der himmlischen Heimat nur zu beschreiben. Vielmehr öffnet sie uns einen Spalt weit die Tore zum Himmelreich. Der Mensch nimmt teil an ihr mit Leib und Seele: Gesicht, Gehör, Geruchssinn, alles spricht zu ihm von Gott. Doch wieviele unserer Zeitgenossen – und das leider sogar unter den Kindern der Kirche – sind sich bewußt, daß sie damit den goldenen Schlüssel zum Paradies in der Hand halten?7

Die Metapher vom „goldenen Schlüssel“ macht hier sehr deutlich, wie wichtig die Liturgie hinsichtlich ihrer erlösenden Wirkung (besonders mittels der Sakramente) auf den Menschen ist. Die Funktion der Liturgie besteht schließlich in der mystagogischen Hinführung des Menschen zu Gott:

Die größte Wohltat der Liturgie und der Urgrund ihres Daseins – die sakrale Schönheit ist ja kein Selbstzweck – liegt darin, daß sie uns mit sicherer Hand in das innere Heiligtum der Seele führt. Spielt sich doch hier das einzig wirklich entscheidende Drama der menschlichen Existenz ab: das Wachsen und Reifen unseres übernatürlichen Lebens.8

Besonders in der Liturgie erschließt sich in den Herzen der Gläubigen das Verständnis der Heilswahrheiten wie Inkarnation, Erlösung usw.:

Welche Erweiterung unserer Perspektiven bedeutet es und welche Vertiefung des Glaubens, wenn wir wenigstens durch unsere Wertschätzung für die liturgische Handlung und ihre souveräne Wirksamkeit darin einwilligen, daß das göttliche Werk unserer Erlösung in uns lebt und sich dort vollzieht! Dann prägen die kluge Auswahl der Schrifttexte und ihre andächtige Wiederholung, ihre Ausdrucksmacht, die Kunst des gregorianischen Gesangs, die Sakramente und die immer wieder an unserem geistigen Auge vorbeiziehenden Geheimnisse des Lebens Christi jenes Bild des Sohnes in die Seelen ein, das sie umgestaltet und sie mit dem Vater versöhnt.9

Außerdem ist die Liturgie, wie Henry Bars sagt, eine „Epiphanie Gottes“, denn Gott ist sowohl weit entfernt vom Menschen, dann aber auch wiederum jenem als der stets Andere (Gott) in äußerster Weise nah.10 Darin liegt das „Privileg der Liturgie“:

In der Liturgie, vor allem aber in der eucharistischen Aktion, wird Gott gegenwärtig, und zwar in einer Weise, die seinem Geheimnis selber entspricht. Er nimmt den Menschen mit hinein in das innerste Heiligtum dessen, was es an Persönlichstem und Lebendigstem gibt, demnach aber auch an Verhülltestem. Man tritt ein in das heilige Dunkel und das ist, was ‚par excellence‘ den Namen ‚sakral‘ trägt.11

Die Entwicklung der nachkonziliaren Liturgie in der römisch-katholischen Kirche hat leider zu einer starken „Entsakralisierung“ geführt und den Verfall der kultischen Gestalt im Gottesdienst stark begünstigt.12

Man muß kein gläubiger Mensch sein, um zu verstehen, dass die Menschen ganz im Sinne dieser Entsprechung [dass sich Form und Inhalt genau entsprechen müssen] zu allen Zeiten Gott oder das Göttliche als das Erhabene, Ehrfurchtgebietende schlechthin erahnt und erfahren haben und im Kult genau diese Erfahrung suchten!13

Der Philosoph Walter Hoeres sieht zudem in der rationalen Sachlichkeit, von der die heutige Gesellschaft geprägt ist, die Unfähigkeit zur Erfahrung des Mysteriums Gottes begründet14:

Auf der einen Seite wird das versachlichte Bewusstsein in der Tat immer unfähiger, das Mysterium als solches zu erfahren und ihm im Kult angemessen zu begegnen, so dass es ihn schließlich auch versachlicht und ohne Gespür für die Dimension des Heiligen organisiert. Auf der anderen Seite stößt gerade dieser Mangel die religiösen Menschen ab, die sich dieses Gespür noch bewahrt haben.15


Gregorianische Gesänge
Herr bleibe bei uns: Denn es will Abend werden

Heilige Messe im klassisch-römischen Ritus


Stille & Kontemplation in der Liturgie

Ein wichtiges Element zum Eintreten des Menschen in die Gottesbeziehung ist die Stille, denn sie ist wie Kardinal Sarah sagt „Mystagogie“, die uns „ins Mysterium eintreten“ lässt, „ohne es zu entweihen“.16 So ist die „Sprache der Mysterien in der Liturgie (…) eine stille Sprache“.17 In der Liturgie hat die Stille ihren besonderen Platz, wenn der Priester im feierlichen Hochamt den Kanon still betet oder in den sogenannten Stillmessen unter der Woche, die fast gänzlich ohne laute Worte auskommen. Der Kanonstille kommt dabei eine herausragende Bedeutung als Schutz vor der Profanierung des Mysteriums zu. So schreibt bereits Pseudo-Alkuin (735-804), dass die Kanonstille einen wichtigen Platz in der Liturgie hat, „damit so heilige und und zu einem so großen Mysterium gehörende Worte nicht verächtlich gemacht werden18. Diese Stille ist notwendig, damit der Einzelne eine persönliche Beziehung zu Gott aufbauen kann19:

Wenn der gesamte Kanon jedes Mal laut durch den Priester rezitiert wird, wird das persönliche Gebet, das eigene In-Kontakt-Treten mit Gott in seinem Keime erstickt. Man hört mehr oder minder aufmerksam zu, aber man betet nicht wirklich. Gerade wenn die Messe laut rezitiert wird, verkommt der Anteil des Einzelnen zu einem reinen ‚Hören der Messe‘.20

Zwar lässt sich prinzipiell gemeinsam beten, aber das wirkliche Gebet darf letztlich nicht beim Rezitieren eines Textes stehen bleiben, sondern sollte „immer ein Akt zwischen dem Ich des Menschen und dem Du Gottes“ darstellen.21 Daraus folgt, dass jeder nur allein für sich genommen an der Messe partizipieren kann, soweit Teilhabe als „rein physische Anwesenheit“ oder als ein „rein äußerliches Miteinander-Handeln“ verstanden wird22, weil schließlich alle irdische Liturgie nur „ein Einüben in die himmlische Liturgie und eine Vorbereitung auf unser Alleinsein mit Gott am großen Tag unserer Verantwortung23 sein kann.

Während die fehlende Stille im Kanon des Neuen Ritus eher zu Unaufmerksamkeit führt, legt sich die Kanonstille in der klassisch-römischen Liturgie „wie ein Mantel des Schweigens um das unfassbar heilige Mysterium24, das sich auf dem Altar vollzieht.

Besonders aber in der „Stillmesse“ wird der Mensch nach dem Schweizer Philosophen Oskar Bauhofer zum wirklichen Mitbeten und zur Begegnung mit dem Unaussprechlichen eingeladen.25 So vermag die Stillmesse mittels ihrer „unhörbaren oder quasi unhörbaren Sprache“ den Menschen Räume zu erschließen, die ihnen vermutlich sonst aufgrund der „Klarheit des in den sinnlichen Laut gefangenen Wortes“ eher verschlossen bleiben26 würden:

Die Liturgie und das, was an ihr vernehmbar werden kann, ist zwar als solches gewiss nichts, was zerstreut, denn es ist eine heilige Sprache. Aber diese heilige Sprache kommuniziert gewissermaßen mit dem Unaussprechlichen, und der sinnliche Laut der menschlichen Stimme kann uns leicht an das ‚nackte – gesprochene und gehörte – Wort‘ binden. In der Stillmesse jedoch bricht das alles wieder auf: der Heilige Geist selber tritt mit unaussprechlichen Seufzern in uns ein.27

Aus diesem Grund muss eine sakralitätsbewusste Liturgie „aus tiefem, anbetendem Schweigen hervorgehen und in dasselbe zurücksinken“, weil eine „gottgeweihte Atmosphäre“ besonders eines „heiligen Schweigens“ bedarf.28

Warum also ist die Stille aus der nachkonziliaren Liturgie fast völlig verschwunden? Dabei hat doch das 2. Vatikanische Konzil die Stille gefordert, wie auch Robert Kardinal Sarah bemerkt:

Sie [die Stille] erlaubt uns nämlich, in die Teilnahme am gefeierten Mysterium einzutreten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat betont, dass die Stille ein bevorzugtes Mittel ist, die Teilnahme des Volkes an der Liturgie zu fördern.29


Ausrichtung im Gottesdienst

Ebenfalls dient die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester und Gemeinde im Gottesdienst als Hilfe, um den Fokus ganz auf Gott zu richten. Während der Priester die Heilige Messe im Neuen Ritus „versus populum“ („zum Volk hin“) feiert, zelebriert er sie im klassisch-römischen Ritus „versus Deum“ („zu Gott hin“), also gemeinsam mit der Gemeinde zum Altarkreuz ausgerichtet („versus crucem“). Der Oratorianer Uwe Michael Lang30 stellt im Kontext dieser Diskussion zur Zelebrationsrichtung des Gottesdienstes fest, dass jeder echte Kult ein schwieriger Versuch sei, um zum Transzendenten vorzudringen31:

Die dazu gewählte Form wird natürlich auch einen Gemeinschaftsaspekt haben. Doch die Gemeinschaft an sich ist nicht das Objekt der Übung, sondern bestenfalls ihr Subjekt. Die Liturgie muss das heilsame Gegengift gegenüber der vom Anthropozentrismus geprägten Mentalität unserer Epoche sein. Sich dem Herrn zuzuwenden, kann eine befreiende Wirkung in dieser Hinsicht hervorbringen.32

In der gemeinsamen Gebetsrichtung von Priester und Gläubigen „ad orientem“ („nach Osten“) erfolgt eine bewusste Ausrichtung auf Gott hin, was nach dem hl. Basilius von Cäsarea (330-379) und anderen Kirchenlehrern bereits so von den Aposteln überliefert wurde33. Alle Kirchenväter identifizierten den Osten und die dort aufgehende Sonne als Christus, der in unsere Welt kommt, um von uns angebetet zu werden:

Die Ausrichtung war von den frühesten Zeiten an sowohl in den östlichen als auch in den westlichen Gebieten des Römischen Reiches maßgebend und allgemeingültig. Das bedeutet, dass wir alle, Klerus und Gläubige gleichermaßen, seit nahezu zweitausend Jahren Erben einer Tradition der Anbetung gen Osten sind, in der wir gemeinsam in derselben Richtung stehen oder knien. Kein Symbol bringt eindeutiger die ekstatische Vereinigung der menschlichen Person und das Wesen einer Liturgie als Opfer des Lobes [sacrificium laudis] zum Ausdruck, das zur Verherrlichung Gottes angeordnet ist.34

Diese Sichtweise unterstreicht auch Robert Kardinal Sarah, indem er sagt, dass wir durch die Zelebrationsrichtung ad orientem den „Primat Gottes und der Anbetung“ bis in den Leib hinein erfahren und wir auf diese Weise begreifen, dass „Liturgie unsere Teilnahme am vollkommenen Opfer des Kreuzes ist“.35

Der deutsche Philosoph Walter Hoeres wirft der nachkonziliaren Liturgiereform vor, dass sie gerade das Gegenteil von dem erreicht habe, was sie eigentlich bezwecken wollte, indem sie nämlich einerseits die „Priester-Zentrierung“ verstärkt habe, anstatt sie zu mindern und ebenso den „wahren Gemeinschaftscharakter“ verdunkelt habe. Dieser „wahre Gemeinschaftscharakter“ tritt in der klassisch-römischen Liturgie wesentlich deutlicher zum Vorschein:

Man wollte in der neuen Liturgie dem mündigen Laien Rechnung tragen und hat ihm durch die Überbetonung des Gemeinschaftscharakters und des ‚zusammen, zusammen, zusammen!‘ die Möglichkeit genommen, sich selbständig anbetend und anschauend in die heiligen Geheimnisse zu vertiefen und so Christus hier zu begegnen. Und so hat man wiederum dazu beigetragen, gerade den wahren Gemeinschaftscharakter der hl. Messe zu verdunkeln. Denn er besteht darin, daß alle im Blick auf Christus in ihm vereint sind.36

In diesem Zusammenhang sei auch auf die wenig zielführende architektonische Umgestaltung des Kircheninnenraums zu einem Halbkreis oder im schlimmsten Fall zum Kreis um den Altar verwiesen, wie sie heute in vielen Kirchen zu finden ist, die nach dem 2. Vatikanischen Konzil gebaut wurden. Diese Innenarchitektur begünstigt die Ablenkung der Gläubigen in der Liturgie: So verleitet uns eine solche Ausrichtung eher dazu die Augen umherschweifen zu lassen und unsere Aufmerksamkeit auf die anderen Gläubigen zu richten, anstatt sich im Gebet zu versenken. Die Ausrichtung auf Gott wird durch eine falsche Architektonik ganz klar gestört.

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Das Video „Deus Caritas Est – Die Heilige Messe: Das Wunder aller Wunder“ stammt vom Youtube-Kanal TrinitArtChanel des Komponisten, Videoproduzenten und Sachbuchautors Roberto Bonaventura. Es gibt in wenigen Minuten einen Eindruck von der Schönheit der Heiligen Messe im überlieferten Römischen Ritus.


Sakralsprache Latein in der Liturgie - Messbuch


Sakralsprache Latein

Das Latein als liturgische Sprache ist für den modernen Menschen auf den ersten Blick ungewohnt. Gerade in unserer aufgeklärten westlichen Welt wurde der Mensch dazu erzogen alles haargenau verstehen und nachvollziehen zu müssen. Diese Denkweise hat in den letzten Jahrzehnten auch in der römischen Kirche Einzug gehalten. So hat die jeweilige Landessprache das Latein als Sakral- bzw. Kultsprache weitestgehend verdrängt. Allerdings bietet gerade die Sakralsprache die Möglichkeit den Menschen aus seinem gewohnten Denken herausreißen und kann ihm dabei helfen Gott in der Liturgie ein Stück weit erfahrbarer zu machen:

Eine Liturgie, die vollständig durchsichtig ist, ist unsichtbar und wird darum nicht beachtet, weil sie nicht unsere Aufmerksamkeit erregt an ebenjenem Punkt, in dem der unsichtbare Gott sichtbar wird in jenseitigen Zeichen und Symbolen, wie das Licht in den bunten Glasfenstern zu erzählen beginnt. Eine Liturgie, die vollständig zugänglich ist, ist langweilig, weil sie zu leicht ist. (…) Sie [die Liturgie] ist ein Geheimnis, das uns an die Grenzen unserer Sprache, unserer Gedanken, unserer Gefühle führt und uns lockt ‚weiter hinauf und weiter hinein‘ zu gehen.37

Zudem kann uns das Latein als Sakralsprache dabei helfen im Gebet zu wachsen und das äußerliche Gebet zum inneren Gebet zu verwandeln:

Die Teilnahme in der Muttersprache lässt sich vom inneren Beten lösen, wogegen die Sakralsprache die Möglichkeit, Teilnahme und Gebet miteinander zu verbinden, besser gewährleistet. Beim Sakralen ist in der Tat das Erfassen des Symbols das Entscheidende und nicht das Wortverständnis.38

Neben dem universellen Charakter einer einheitlichen Sprache im Gottesdienst sowie ihrer Unveränderlichkeit, die sie für die Weitergabe des Glaubens in der Liturgie über alle Zeiten hinweg prädestiniert, ist Latein von zeitloser Schönheit und passt sich mit seiner außergewöhnlichen Schlichtheit dem ästhetischen Empfinden jeder Zeit an. So formuliert es Peter Kwasniewski wie folgt:

Sein hohes Alter und seine weite Verbreitung, seine Klarheit und Beständigkeit in der Bedeutung sowie seine unaufdringliche Schönheit des Ausdrucks verleihen dem Latein alle erforderlichen Qualitäten für einen öffentlichen Kult, der ewig alt und immer neu, edel und feierlich sowie gänzlich frei von den Launen der weltlichen Mode ist.39


Ästhetische Aspekte

In der Schönheit und Ästhetizität der überlieferten Liturgie lässt sich die menschliche Sehnsucht nach Gott besonders deutlich festmachen, die sich in einer unübertroffenen Mischung aus Feierlichkeit, Nüchternheit und Stille des Ritus ausdrückt. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich der römische Ritus zu einem organisch gewachsenen Gesamtkunstwerk entwickelt, bei dem Form und Harmonie in untrennbarer Symbiose zusammenwirken. Der große Reichtum an Symbolik, die Eleganz im liturgischen Ablauf, die überirdisch anmutenden gregorianischen Choräle sowie die Klarheit, Schnörkellosigkeit und Zeitlosigkeit der lateinischen Sprache verleihen der klassisch-römischen Liturgie ihre absolute Einzigartigkeit. Die Hochliturgie der katholischen Kirche möchte den Menschen aus seiner Alltäglichkeit herausreißen, um ihm schon hier auf Erden einen Vorgeschmack auf die Herrlichkeit des Himmels zu bieten. Das Äußere der Liturgie ist dabei nicht als ein reines Äußeres zu begreifen, sondern „enthüllt die innere Wahrheit des Angeschauten40.
Ebenfalls diente auch die architektonische Bauweise und künstlerische Ausgestaltung von Kirchen in früheren Jahrhunderten (sei es u.a. in der Romanik, Gotik oder im Barock) mit ihrer Formschönheit, Erhabenheit und Verzierungen einzig der Hinführung des Menschen zu Gott, die untrennbar mit dem Ritus gekoppelt war.


Gregorianik / Gregorianischer Choral - Noten


Zeitlose Choralmusik

Eine besondere Wirkung in der überlieferten Liturgie hat der gregorianische Choral. Dieser verfügt einerseits über eine Einheit stiftende Anziehungskraft aufgrund der völkerübergreifenden Sprache des Lateinischen, der eingängigen (einfachen und meditativen) Melodien sowie des Inhaltes der Gesänge (Bibelstellen, Zitate von aus den Schriften der Heiligen). So besitzt der Gregorianische Choral nach Francis Kardinal Arinze das Merkmal einer meditativ bewegenden Kadenz, die bis in die Tiefen der Seelen vordringt und über eine universelle völkerverbindende Anziehungskraft verfügt.41 Dabei umfasst diese Musik die Traditionen aller Zeiten und Völker des Christentums:

Versteht man die Gregorianik (…) als eine Musik, in der sakramentale Handlung, das lateinische Bibelwort und der Klang, kurz, Liturgie, Wort und Klang eine wesentliche und untrennbare Einheit eingehen, dann ist der Choral eine wahrhaft universelle Sprache. Nicht nur, daß er ein wichtiges einheitsstiftendes Element für die Kirche darstellt, bis in die jüngste Gegenwart hinein eine gleichsam weltumspannende liturgische Verständigung der Katholiken ermöglichte und damit eine größtmögliche Allgemeinheit auch im Sinne dessen aufweist, was ‚katholisch‘ eigentlich bedeutet; sondern er beinhaltet, wie seine Geschichte zeigt, gleichsam auch eine historische Universalität, die alle Zeiten und Völker des Christentums in lebendiger Tradition umfaßt und zusammenhält – bis hin zu Christus und den Aposteln im Abendmahlssaal. So, und so vor allem, kann der Gregorianische Choral als erster künstlerischer Ausfluß der römischen Liturgie und insofern als grundlegender Bestandteil der abendländischen Kultur von jedermann überall in der Welt, zwischen Kiez und Kontinenten – im Glauben, aber auch schon und bloß im Wissen um seine Zusammenhänge – als das verstanden werden, was er ist: als sakrale Musik der katholischen Kirche, und damit als eine universelle Sprache.42

Andererseits wird dem Gregorianischen Choral ein Aspekt der Verinnerlichung zugesprochen, der den Menschen aus seiner Alltäglichkeit herausreißt, ihn in die Nähe zum Transzendenten trägt und ihn sogar mit jenem konfrontieren kann:

Ein Chor, der den Gregorianischen Choral täglich singt, gelangt notwendig zu einer verbesserten Interpretation, und die kleinlichen Ansprüche der angeblichen wissenschaftlichen Forschungen schmelzen wie Schnee in der Sonne gegenüber der großartigen Herausforderung, die eine tägliche Praxis darstellt. Denn dann verinnerlicht uns die gregorianische Kunst und erzieht uns zur Demut, was das beste Mittel ist, vor Gott wahr zu sein. Dabei durchzuhalten, verlangt einen regelrechten Prozeß der Bekehrung durch den Gebrauch sehr einfacher Mittel. Für den schlichten Gläubigen aber besteht der Sakralgesang bereits darin, anzufangen, indem er dem Priester in Abstand von einer Sekunde antwortet: amen, und: et cum spiritu tuo. Das ist Mystagogik, die Einführung in die Mysterien, unter der Anleitung der bräutlichen Kirche.43

Nach Dom Hervé Courau OSB ist für die Gregorianik besonders das Merkmal der Verinnerlichung bezeichnend, was dieser Musik zutiefst anzuhaften scheint. In einem Artikel der französischen Zeitschrift „L’homme nouveau“ wird der mystagogische und verinnerlichende Charakter des Gregorianischen Gesangs als „Aussageweise des Unaussprechlichen44 hervorgehoben, der die Menschen näher zu Gott führen soll:

‚Der gregorianische Choral ist jener latente Gesang, der erblühte bis zu seiner vollen Entfaltung. Es ist der innerliche Gesang, der in Lyrik zu seiner Freiheit gelangte‘ (Dom Prou, Abt von Solesmes). Er ist das Vibrieren des Wortes in der Stille, die Überführung der unaussprechlichen Musik dieses Wortes in eine sinnlich wahrnehmbare Musik, oder, wie Le Guenannt schrieb, ‚das beschauliche Beten, das Musik geworden ist‘. (…) Dieser Gesang schafft eine Art geistlichen Freiraum, in dem sich der Mensch betend entfaltet, einen Raum, der Öffnung zum Unsichtbaren bedeutet. (…) Das vom Gesang der Kirche erzeugte Klima eignet sich wunderbar dazu, uns zurückzugeben an uns selber und unserem inneren Gast, der mehr als ‚wir‘ ist, als wir selber.45

Ähnlich sieht es auch Peter Kwasniewski. Nach ihm ist der Choralgesang ein „mächtiges Mittel zur geistigen Verwandlung und Reife: Er erfüllt die Seele mit einem ernsthaften geistlichen Verlangen nach Gott, einem Verlangen, verkörpert und ausgedrückt in jeder Melodieschwingung, welche die namenlosen Feinheiten und unterschwelligen Strömungen der menschlichen Seele widerspiegelt.46 An anderer Stelle schreibt er:

Gregorianischer Choral ist äußerst passend für die Liturgie und dient als höchstes Vorbild sakraler Musik, weil ihm die Zwangsjacke eines betonten Taktmaßes fehlt, weil sein freifließender Rhythmus und seine anmutigen, abwechslungsreichen Melodien, die innig verbunden sind mit den Worten bis hin zu einer ehe-ähnlichen Einheit, die vorhersagbaren Muster dieser Welt zurücklassen und uns in das himmlische Reich tragen, das eine Welt überirdischer Schönheit ist.47

Als besonderes Charakteristikum für die Verinnerlichung des Gesangs können seine Einfachheit, Durchsichtigkeit sowie Klarheit, bedingt auch nicht zuletzt durch die Sakralsprache Latein, gelten. Diese Elemente können sowohl die Mitsingenden zu einer besonderen Vereinigung als auch die nur Hörenden zur Berührung mit dem Transzendenten führen. In diesem Kontext ist auch der objektive Aspekt47 des Gregorianischen Chorals zu nennen, der sich sich vor allem anhand der festen Reglementierung und seiner stringenten Eingebundenheit in die Liturgie festmachen lässt49:

Von einem Streben nach Objektivität sprechen das Festhalten an Normen und die Eindämmung des Affektierten, was aber keineswegs der künstlerisch notwendigen Expressivität im Wege steht.50

Ebenso kann der objektive Aspekt des Chorals implizit aus seiner Einfachheit, Durchsichtigkeit sowie Klarheit gedeutet werden.51 Denn „im Gegensatz zu einer religiösen Musik, die den Effekt sucht, lässt der Choral durch sein Freisein von jedem Kunstgriff die ganze Kraft des göttlichen Wortes sich entfalten52
Letztlich ist der Gregorianische Choral aber vorrangig gesungenes Gebet53, das einen der wichtigsten Momente jener Verinnerlichung bezeichnet. Der Gregorianische Choral hat für die Liturgie schließlich auch eine unterstützende Funktion und kann den Menschen dabei helfen Gott für sie erfahrbarer zu machen bzw. einen Zugang zum Transzendenten zu finden.


Persönliche Zeugnisse

Gerade auch im Hinblick auf die Neuevangelisierung kann die außerordentliche Form des römischen Ritus eine große Hilfe sein, weil sie nach Raymond Kardinal Burke „eine direkte Begegnung mit dem Geheimnis des Glaubens ist: die erlösende Inkarnation Christi – um die Sünde in unserem Leben zu besiegen und für uns die Gnade des göttlichen Lebens der Heiligen Dreifaltigkeit zu gewinnen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in unsere Herzen54. Besonders der Transzendenzbezug kommt in der überlieferten Liturgie sehr deutlich zum Vorschein:
Ich denke, die Feier der außerordentlichen Form [des römischen Ritus] kann eine sehr wichtige Rolle in der Neuevangelisierung spielen, wegen ihrer Betonung der Transzendenz der heiligen Liturgie. Mit anderen Worten, sie betont die Realität der Vereinigung von Himmel und Erde durch die heilige Liturgie. Das Handeln Christi durch die Zeichen des Sakramentes, durch Seine Priester, ist in der außerordentlichen Form sehr deutlich.55

In seinem Beitrag „Die Alte Messe und die Neuevangelisierung“ hat Peter Kwasniewski Stimmen unterschiedlicher Menschen aus der englischsprachigen Zeitschrift „Mass Ages“ gesammelt, die erstmals mit der überlieferten Liturgie in Berührung kamen und deren Wirkung auf sie schildern. Dabei fühlten sich auch erstaunlicherweise viele junge Menschen durch die alte Liturgie angesprochen. Wir möchten einige dieser Zeugnisse hier wiedergeben:

Maile Hanson: ‚Ich nahm mehr Notiz von dem, was der Priester tat, was mich überraschte. Seine Abkehr von uns war wohltuend, denn ich mochte die Tatsache, daß er einer von uns war, der auf Gott schaut, der uns repräsentiert. … Der Geruch von Weihrauch, das Hinknien bei der Kommunion, das Tragen der Mantilla, das stille Gebet. … alles konzentrierte sich auf Gott mit Ehrfurcht und Demut, und ich wurde vom Priester oder von den Ministranten nicht abgelenkt.‘56


Philip Dillon: ‚Es war eine Missa Cantata, eine gesungene Messe. Alles, was ich [vorher] gekannt hatte, waren Volksmessen, Menschen, die „Kumbaya“ sangen, und das erste, was mir auffiel, war die Ernsthaftigkeit der Messe. … Ich war einfach erstaunt über den feierlichen Ernst der
Menschen und des Priesters. … Ich fühlte ich mich wirklich zum ersten Mal in einer Messe konzentriert. … Was ich am meisten mag, ist die Stille. … Es ist eine Gelegenheit, um zu meditieren und zu betrachten. Ich mag es, mir vorzustellen, selbst am Fuße des Kreuzes zu sein.‘
57


Zita Mirzakhani: ‚Es war hier [in Oxford], wo ich zum ersten Mal die Messe auf Latein erlebte. Es war ein feierliches Hochamt, und es war vielleicht die schönste Erfahrung, die ich je hatte. Obwohl ich nun die Liturgie kenne, verstehe, was auf dem Altar geschieht, und mit den Antworten auf Latein vertraut bin, konnte ich in meiner Unwissenheit an diesem glücklichen Tag in Oxford diese Messe wie ein blindes Kind erleben, mir vorstellen, wie die Engel hoch oben singen, weil ich zu verlegen war, an diesem fremden Ort meinen Kopf zurück zu drehen, um einen Blick auf den Chor zu erhaschen. … Es ist eine unübertroffene Feierlichkeit, die der „alte“ Ritus an sich hat.‘58


Emily Stimpson: ‚Es eröffnete sich eine ganz neue Welt für mich. Am Ende der Liturgie brach ich zusammen und weinte, weil ich noch nie eine solche Schönheit erlebt hatte‘59


Ein junges Paar: ‚Obwohl wir mit einem atheistischen Hintergrund aufgewachsen sind, wurden meine Verlobte und ich in diesem Jahr durch die Schönheit der außerordentlichen Form der Messe vom katholischen Glauben angezogen. Wir waren von der liturgischen Musik, Tradition und Ehrfurcht, die jedermann zeigte, ganz eingenommen. Das löste eine Neugier am Glauben aus, die uns dahin führte, in die katholische Kirche aufgenommen zu werden.‘60


Fazit

Insgesamt betrachtet ist besonders die Wirkung der Liturgie auf den Menschen hervorzuheben, die sie auf ihn ausüben kann. So hat die Liturgie den Charakter eines Heraushebens des Menschen aus dessen Alltäglichkeit an sich. Sie eröffnet ihm, aufgrund des Gegenwärtigwerdens Gottes (besonders in der Eucharistie) in ihr, das Tor zu Gott. Dabei ist für die Liturgie das Hineintauchen des ganzen Menschen mit Leib und Seele bezeichnend. Sie soll ihn ins innere Heiligtum seiner Seele führen. Besonders die „Entsakralisierung“ der Liturgie sowie die gegenwärtig stark herrschende Rationalität gilt es als sehr kritisch zu betrachten, da sie nicht dem eigentlichen Wesen von Liturgie entspricht.
Ebenfalls gehört die Stille bzw. Kontemplation als „heiliges Schweigens“ zu den charakteristischen Elementen von Liturgie, was sich an etlichen Stellen (Stille im Kanon, in der Stillmesse an sich usw.) ganz klar festmachen lässt. Erst die Stille bzw. Kontemplation schafft eine feierliche und „gottgeweihte Atmosphäre“ sowie den entsprechenden Raum, der die Menschen in die Tiefen der Gotteserfahrung führen kann.
Schließlich hilft auch die gemeinsame Zelebrationsrichtung von Gemeinde und Priester „ad orientem“ (in Erwartung auf den wiederkommenden Christus), dass sich der Mensch ganz auf das Transzendente ausrichten kann. In diesem Kontext gilt es die Überbetonung des Gemeinschaftscharakters in der neuen Messform zu kritisieren, die eher von Gott ablenkt und sich somit als Hindernis in der Beziehung zu Gott erweist. Im nachkonziliaren Ritus besteht leider die Gefahr, dass Gott, wegen dem sich die Gemeinde schließlich versammelt, aus dem Fokus der Liturgie gerückt und zu einem Objekt zweiten Ranges degradiert wird. Eine Liturgie, die den Menschen zu Gott führt, lässt sich in der Westkirche jedoch im klassischen römischen Ritus finden, was Prof. Peter A. Kwasniewski wie folgt auf den Punkt bringt:

Der klassische Römische Ritus ist der eigentliche Ort der Katholizität und Rechtgläubigkeit für das christliche Abendland – und zwar in mehrfacher Hinsicht, wie ich meine. Er drückt die Universalität der katholischen Kirche des lateinischen Ritus aus, wie alle Missionare früherer Zeiten bezeugen konnten. Er verleiht auch ihrem Dogma klaren, erhabenen und bewegenden Ausdruck. Aber mehr noch ist er die eigentliche Sprache der abendländischen Kirche in ihrem Gebet. Ihre Identität ist in jedem seiner Ausdrücke und jeder seiner Gesten enthalten. Er ist nicht bloß ein Gebet unter vielen; er ist die Kirche im Gebet par excellence, eingebunden in ihrem maßgeblichen Akt, der allerheiligsten Dreifaltigkeit ihre Huldigung darzubringen.61


Chant - Music For Paradise

Quellenangaben

  1. Interview mit Kardinal Sarah, 21.
  2. Schönberger, Revolution, 20.
  3. Ebd., 20.
  4. Ebd., 20.
  5. Ebd., 20.
  6. Dom Gérard Calvet OSB (* 18. November 1927 in Bordeaux; † 28. Februar 2008 in Le Barroux) war Gründer und erster Abt der Benediktinerabtei Sainte-Madeleine du Barroux (Schwerpunkt dieses benediktinischen Zweiges liegt in der Strenge klösterlichen Lebens). Er war bekannt für seinen Einsatz für die außerordentliche Form des römischen Ritus und ist Verfasser einiger theologischer Schriften (vgl. Reinecke, In memoriam, 59ff).
  7. Calvet, Vier Wohltaten, 259f.
  8. Ebd., 263.
  9. Ebd., 266.
  10. Vgl. Bars, Entsakralisierung, 344.
  11. Ebd., 345.
  12. Vgl. Hoeres, Unfähigkeit, 78.
  13. Ebd., 78.
  14. Vgl. ebd., 78.
  15. Ebd., 78.
  16. Vgl. Interview mit Kardinal Sarah, 22.
  17. Vgl. Ebd., 22.
  18. Reinecke, Sacrum Silentium, 9.
  19. Vgl. Gurtner, Zur Frage des Gemeinschaftscharakters, 141.
  20. Ebd., 141f.
  21. Ebd., 137.
  22. Vgl. ebd., 138.
  23. Ebd., 138.
  24. Laas, Verstehen, 360.
  25. Vgl. Bauhofer, Laie und Liturgie, 11.
  26. Vgl. ebd., 11.
  27. Ebd., 11f.
  28. Vgl. Reinhardt, Sacrifera sacralitas, 289.
  29. Interview mit Kardinal Sarah, 21.
  30. Uwe Michael Lang (* 1972 in Nürnberg) studierte Theologie und klassische Philologie in München, Oxford und Wien. Danach promovierte er im Jahr 1999 in Oxford. Er ist Priester im Oratorium des hl. Philipp Neri (London) und doziert am Heythrop College (University of London)  Theologie. Bekannt erlangte er vor allem durch sein Buch „Conversi ad Dominum“, welches mit einem Vorwort des damaligen Kardinals Josef Ratzinger versehen ist (vgl. Lang, Conversi ad Dominum, 56. / Lang, Liturgie – Sprache – Glaube, 14).
  31. Vgl. Lang, Conversi ad Dominum, 57.
  32. Ebd., 57f.
  33. vgl. Kwasniewski, Neuanfang inmitten der Krise, 108.
  34. Kwasniewski, Opfer des Lobes, 13.
  35. vgl. ebd., 14.
  36. Hoeres, Vergleiche, 133.
  37. Kwasniewski, Neuevangelisierung, 15f.
  38. Bozzo, Säkularisierung, 260.
  39. Kwasniewski, Neuanfang inmitten der Krise, 114.
  40. Mosebach, Häresie der Formlosigkeit, 24.
  41. Vgl. Arinze, Sprache, 87.
  42. Laas, Verstehen, 365f.
  43. Courau, Wer singt, 207.
  44. Schönberger, Der gregorianische Choral, 253.
  45. Ebd., 252f.
  46. Hier sei auch auf die benediktinische Restaurationsbewegung des 19. Jahrhunderts unter dem berühmten Solesmenser Abt Guéranger verwiesen, welche dem Gregorianischen Choral zu neuer Blüte verhalfen. Dabei kam der Liturgie vorrangig die Funktion zu als „Verobjektivierung des Römisch-Katholischen“ zu erscheinen. Besonders der Gregorianische Gesang galt hier als ausdrucksstarkes Element einer objektiven und sakralen Liturgie, was auch ein Grund für seine Wiedereinführung in jenen Reformklöstern des 19. Jahrhunderts war (vgl. Angenendt, Liturgik und Historik, 14).
  47. Vgl. Sandhofe, Was ist Gregorianik?, 296.
  48. Ebd., 297.
  49. Vgl. Schönberger, Der gregorianische Choral, 253.
  50. Ebd., 252.
  51. Kwasniewski, Neuanfang inmitten der Krise, 29.
  52. Kwasniewski, Neuevangelisierung, 15.
  53. Im Hintergrund dieser Definition von Gregorianik steht die Komposition selbst. Es ist im Gregorianischen Choral ein grundsätzliches Gesetz, dass der Ton aus dem Wort hervorgeht und nicht umgekehrt. So stellt eine sprachliche Sinneinheit auch eine musikalische Sinneinheit dar, wobei sowohl die Bedeutung als auch die Sprachmelodie eines Wortes wesentlich für die Bildung einer melodischen Phrase ist. Ausgehend von dieser Annahme, lassen sich die vertonten Texte, bei denen es sich in der Regel um Gebete handelt, als gesungene Gebete definieren (vgl. Laas, Verstehen, 357).
  54. Burke, Zusammenhang zwischen der Heiligen Liturgie und der Neuevangelisierung, 57.
  55. Ebd., 57.
  56. Kwasniewski, Neuevangelisierung, 7.
  57. Ebd., 7.
  58. Ebd., 7.
  59. Ebd., 7.
  60. Ebd., 7.
  61. Kwasniewski, Neuanfang inmitten der Krise, 160.

Literaturverzeichnis

  • Angenendt, Arnold: Liturgik und Historik. Gab es eine organische Liturgie-Entwicklung? (Quaestiones Disputatae 189); Freiburg im Breisgau 2001.
  • Arinze, Francis Kardinal: Die Sprache in der Liturgie des römischen Ritus: Latein und Volkssprache, In: Una Voce Korrespondenz 37 (2007), 82-95.
  • Bars, Henry: Entsakralisierung der Liturgie? Übersetzt von Andreas Schönberger, In: Una Voce Korrespondenz 11 (1981), 334-352.
  • Bauhofer, Oskar: Laie und Liturgie, In: Pro Missa Tridentina. Rundbrief der Laienvereinigung zur Pflege des Tridentinischen Meßritus in der Katholischen Kirche e.V. (1993/5), 10-13.
  • Bozzo, Gianni Baget: Die Säkularisierung von Kirche, Liturgie und Priestertum. Übersetzt von Andreas Schönberger, In: Una Voce Korrespondenz 28 (1998), 251-266.
  • Burke, Raymond Kardinal: Über den Zusammenhang zwischen der Heiligen Liturgie und der Neuevangelisierung, In: Dominus Vobiscum 10 (2015), 57.
  • Calvet, Gérard: Die Vier Wohltaten der Liturgie. Übersetzt von Andreas Schönberger, In: Una Voce Korrespondenz 32 (2002), 253-266.
  • Courau, Hervé: „Wer singt, der betet doppelt“. Übersetzt von Andreas Schönberger, In: Una Voce Korrespondenz 35 (2005), 195-207.
  • Die Kraft der Stille. Interview mit Kardinal Sarah zur Publikation seines neuen Buchs, In: Dominus Vobiscum 13 (2016), 18-23.
  • Gurtner, Michael: Zur Frage des Gemeinschaftscharakters der Heiligen Messe, In: Una Voce Korrespondenz 37 (2007), 134-142.
  • Helmholtz Musikakademie. <http://www.akademie.helmholtz-bonn.de/0000009b180a07101/0000009b180a64007/index.php>. Rev. 2009-07-03.
  • Hoeres, Walter: Die Unfähigkeit zu Ehrfurcht und Kult in Gesellschaft, Zeitgeist und Liturgie, In: Una Voce Korrespondenz 19 (1989), 67-86.
  • Hoeres, Walter: Vergleiche, In: Una Voce Korrespondenz 37 (2007), 131-133.
  • Kwasniewski, Peter A.: Das Opfer des Lobes – oder Der Mensch orientiert sich am Ekstatischen, In: Dominus Vobiscum 14 (2017), 4-17.
  • Kwasniewski, Peter A.: Die Alte Messe und die Neuevangelisierung. Im Umgang mit der Liturgie entscheidet sich das Geschick von Glaube und Kirche, In: Dominus Vobiscum 12 (2016), 4-21.
  • Kwasniewski, Peter A.: Neuanfang inmitten der Krise. Die heilige Liturgie, die traditionelle lateinische Messe und die Erneuerung der Kirche; Tremsbüttel 2017.
  • Laas, Johannes: Vom Verstehen sakraler Musik – Der Gregorianische Choral als universelle Sprache, In: Una Voce Korrespondenz 33 (2003), 339-366.
  • Lang, Uwe Michael: Conversi ad Dominum – Interview mit Pater Uwe Lang, In: Una Voce Korrespondenz 37 (2007), 56-59.
  • Mosebach, Martin: Häresie der Formlosigkeit; Wien 31998.
  • Platon: Politeia, Übersetzt von Friedrich Schleiermacher. (Sämtliche Werke 2); Reinbek bei Hamburg 21994, 195-537.
  • Reinecke, Martin: In memoriam Dom Gérard Calvet OSB, In: Pro Missa Tridentina. Rundbrief der Laienvereinigung zur Pflege des Tridentinischen Meßritus in der Katholischen Kirche e.V. (2008/34), 59-61.
  • Reinecke, Martin: Sacrum Silentium – Von Kirchenbau und Kanonstille, In: Dominus Vobiscum 2 (2011), 4-13.
  • Reinhardt, Heinrich: Sacrifera sacralitas. Zur Erinnerung an das Urphänomen christlicher Liturgie; In: Una Voce Korrespondenz 25 (1995), 259-293.
  • Sandhofe, Holger Peter: Was ist Gregorianik?, In: Una Voce Korrespondenz 29 (1999), 291-301.
  • Schönberger, Andreas: Der gregorianische Choral, In: Una Voce Korrespondenz 20 (1990), 250-255.
  • Schönberger, Andreas: Die „Revolution der Techniker“, In: Una Voce Korrespondenz 30 (2000), 3-28.
  • Sirot, Paul-Marie: Durch den Schleier hindurch. Übersetzt von Andreas Schönberger, In: Una Voce Korrespondenz 16 (1986), 3-19.

 


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Letzte Aktualisierung am 14.11.2020 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API