Herzensgebet (Jesusgebet)

Eine der verbreitetsten Gebetsformen in den Ostkirchen ist das Herzensgebet bzw. Jesusgebet. Es hat seinen Ursprung bereits in der Bibel selbst.

Was ist das Herzensgebet?

Mosaik: Jesus als Pantokrator

Beim Herzensgebet, auch als Jesusgebet oder immerwährendes Gebet bezeichnet, handelt es sich um ein mantrisches Gebet (ähnlich zum Rosenkranz in der Westkirche), bei dem ununterbrochen der Name Jesus Christus angerufen wird und dass besonders in den orthodoxen Kirchen Verbreitung gefunden hat. Damit ist es ein meditatives und kontemplatives Gebet. Zugleich ist es ein Namensgebet, weil der göttliche Name Jesus Christus beständig angerufen wird. Als Hilfsmittel zur Konzentration und für den gleichmäßigen Rhythmus bei dieser Gebetsform wird in der orthodoxen Kirche zum Jesusgebet oft eine geschlossene Gebetskette (griechisch: „Komboskini“, russisch: Tschotki, serbisch: Brojanica) verwendet, die aus 30, 33, 50, 100 oder mehr Knoten bestehen kann. Beim Herzensgebet wurde die Aufforderung des hl. Paulus „Betet ohne Unterlass!“ (1 Thess 5,17 EU) aufgegriffen. In der Orthodoxie bzw. den Kirchen des byzantinischen Ritus ist das Jesusgebet sehr weit verbreitet und auch stärker im Volk verwurzelt als der Rosenkranz in der Westkirche.

Mit dem sich ständig wiederholenden Gebet soll unser Ich-Bewusstsein zurückgedrängt und unsere Seele frei werden, damit Gott in uns einziehen kann, wie es ebenfalls in der westlichen Mystik gelehrt wird.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=Yp-Mj5THFgM

Das Herzensgebet als russisch-orthodoxer Gesang zum Anhören


Wie ist das Jesusgebet entstanden?

Seinen Ursprung hat das Herzensgebet im frühen Mönchtum der Wüstenväter in Ägypten, wo bereits kurze Bibelzitate (z.B. Psalmverse) immer wieder wiederholt wurden und dabei sowohl laut als auch innerlich rezitiert wurden. Das Rezitieren von Bibelzitaten wurde im Laufe der Zeit durch das Rezitieren des Namen Jesus ersetzt, wobei die heutige Form des Herzensgebets „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“ (basierend auf den Worten des blinden Bartimäus in den Evangelien) schon im 6. Jahrhundert nachweisbar ist. Eine große Verbreitung erführ das Jesusgebet besonders im 12. Jahrhundert durch die Hesychasmus-Spiritualität, bei der das Herzensgebet in der Stille im Rhythmus von Atmung und Herzschlag rezitiert wird. Ab dem 16. Jahrhundert sorgten die Starzen Nil Sorski (1433–1508) sowie Païssi Welitschkowski (1722–1794) in Russland für eine große Verbreitung des Gebets. Ebenfalls trug das gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Russland geschriebene Buch „Aufrichtige Erzählungen eines Pilgers“ stark zur weltweiten Bekanntheit dieser Gebetsform bei.

Mit dem Herzensgebet spricht man zu Christus, der auferstanden und gegenwärtig ist und uns zuhört.


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Wie lautet der Gebetstext?

Die bekannteste Form des Herzensgebets ist das Jesus-Gebet, für das es keinen einheitlichen Gebetstext gibt. Vielmehr haben sich im Laufe der Zeit es unterschiedliche Formulierungen – sowohl kurze als auch lange – herausgebildet:

  • Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!
  • Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!
  • Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, hab Erbarmen mit mir Sünder!
  • Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich meiner!
  • Herr Jesus Christus, Sohn Davids, erbarme dich meiner!

Als Kurzformen kann auch einfach nur der Name Jesu gebetet werden wie z.B. „Herr Jesus Christus“, „Jesus Christus“, „Jesus“ oder „Christus Jesus“.

Auf dem Berg Athos (orthodoxe Mönchsrepublik in Griechenland) wird von den Einsiedler-Mönchen das kleine Jesusgebet gesprochen:

„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“ (Κύριε Ἰησοῦ Χριστέ, υἱὲ τοῦ Θεοῦ, ἐλέησόν με.)


Was gilt es beim Jesus-Gebet zu beachten?

Um das Herzensgebet richtig zu verrichten, bedarf es einer längeren Einübung in diese Gebetsform, was allerdings nicht davor abschrecken sollte, damit zu beginnen:

  1. Anfangs gilt es die Worte „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner!“ regelmäßig mündlich zu rezitieren (zuerst dreimal 30 Gebete täglich und dann steigern auf dreitausendmal pro Tag, dann sechstausendmal, danach zwölftausendmal und schließlich so oft wie nur möglich) – das kann sowohl mit einer bewussten Gebetszeit verbunden werden als während einfacher Tätigkeiten des Alltags geschehen (z.B. beim Kochen, Bügeln, Laufen etc.). Je häufiger das Herzensgebet gesprochen wird, desto mehr wird es verinnerlicht.
  2. Zum richtigen Beten gehört auch eine Atemtechnik (Rhythmus von Atmung und Herzschlag), die bereits von Beginn an einzuüben ist und wie folgt funktioniert: Beim tiefen Einatmen (ins Herzinnere) werden die Worte „Herr Jesus Christus“ gesprochen und während des Ausatmens „Erbarme dich meiner“.
  3. Ebenfalls empfiehlt es sich beim Gebet besonders am Anfang auch eine geeignete Gebetshaltung einzunehmen wie die aufrechte Sitzposition auf einer Meditationsbank oder einem Stuhl einzunehmen bzw. im Schneidersitz, um sich auf diese Weise ganz auf die Worte des Gebet konzentrieren zu können.

Folgen wir diesen Empfehlungen der orthodoxen Mönche, so verwandelt sich das äußere Gebet immer mehr zum inneren Gebet. Ist das Beten mit dem gleichmäßigen Atem in Fleisch und Blut übergegangen, so lässt sich auch noch der Rhythmus des Herzschlags einbeziehen (zum ersten Herzschlag wird „Herr“, zum zweiten „Jesus“, zum dritten „Christus“ usw. gebetet). Das Herzensgebet wird vom Beter solange durch permanente Wiederholung eingeübt, bis er innerlich im Gebet stehen bleibt. Er spricht es dann nicht mehr, sondern ist mitten in ihm. Auf diese Weise geht das Gebet ins Unterbewusstsein über und verselbständigt sich. In dieser Phase entwickelt sich das Herzensgebet immer stärker zu einem Gebet der Einfachheit (dritte Vorstufe in der christlichen Mystik). So wird nicht mehr der volle Satz wiederholt, sondern er reduziert sich auf das verinnerlichte Gebet des Namen „Jesus“.


Exkurs: Christus-Gebet

In der westlichen Kirche hat sich parallel zum Herzensgebet das Christusgebet herausgebildet, was aber nicht so eine große Verbreitung gefunden hat wie sein Pendant in der orthodoxen Kirche. Es hat die Form eines Antwortgesanges und wird in Gemeinschaft gebetet. Aber natürlich kann es auch als persönliches Gebet gesprochen werden. Ähnlich wie beim Rosenkranz lassen sich die Heilsereignisse austauschen (statt „Du sitzest zur Rechten des Vaters“ andere Ereignisse wie z.B. „Du wirst wiederkommen in Herrlichkeit“ etc.). Hier das Gebet als Text:

Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich unser.
(Du sitzest zur Rechten des Vaters,) erbarme dich unser.
Singt das Lob des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Christus, du Sohn des lebendigen Gottes, erbarme dich unser.


Praxis des Herzensgebets: Einen alten Meditationsweg neu entdecken
Hymnos Akathistos: Der schönste marianische Gesang der Ostkirche

Quellen:

  • Buob, Hans: Tür nach Innen. Wege zum Inneren Gebet; Hochaltingen 2001, S. 78f.
  • Katholisches Gesangbuch GOTTESLOB (1975), Nr. 18,7
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Letzte Aktualisierung am 19.11.2019 / Affiliate Links / Bilder von der Amazon Product Advertising API