Gregorianischer Choral / Gregorianik

Gregorianik ist in erster Linie Gebet. Das Gebet, auch das gesungene, ist als Mitteilung des Menschen an Gott eine Sprache, es ist die vorrangige Kommunikationsform zwischen Geschöpf und Schöpfer.1

Bekanntermaßen ist Singen doppeltes Gebet. Deshalb ist eine besonders wichtige Form des Gebets der Gesang. In der Westkirche hat sich im Laufe der vielen Jahrhunderte der gregorianische Choral herausgebildet, der ein besonders eindrucksvolles Zeugnis für die Schönheit, Klarheit und Tiefe des gesungenen Gebets darstellt.


Was ist der Gregorianische Choral?

Als Gregorianischer Choral wird der einstimmige und unbegleitete lateinische Gesang der römisch-katholischen Liturgie bezeichnet, bei dem es sich um eine seit der Antike überlieferte Gesangstradition handelt. Diese Tradition wird in der katholischen Kirche bis heute gepflegt und hat ihren festen Platz in der Liturgie (besonders im klassisch-römischen Ritus). Dabei lässt sich die Gregorianik – im Gegensatz zu den Kirchenliedern in der jeweiligen Landessprache – als objektiver Gesang der Liturgie bezeichnen. In der Regel werden sowohl die gleichbleibenden Teile (Ordinarium), als auch die veränderbaren Teile (Proprium) der Messe in Form von gregorianischen Gesängen gesungen (häufig als Wechselgesang zwischen Schola und Gläubigen). Die gregorianischen Choräle für die Liturgie sind in einem Buch namens „Graduale“ zusammengefasst. Die Texte der der Gesänge beruhen zumeist auf der Hl. Schrift und sind – je nach Art ihrer Vertonung – zumeist bestimmten liturgischen Momenten zugeordnet. Die Melodien schmücken und deuten das liturgische Wort aus und verleihen ihm eine angemessene Feierlichkeit. Insgesamt gibt es über 30.000 überlieferte Handschriften mit Chorälen.

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Gregorianischer Choral zum Anhören am Beispiel des Hymnus „Vexilla regis“ aus der Karwoche.


Wie hat sich der Gregorianische Choral entwickelt?

Gregorianischer Gesang / Gregorianik / Graduale
Chorbuch mit gregorianischen Gesängen

Die frühen Judenchristen übernahmen den Brauch des Singens von Psalmen aus der Synagoge in den christlichen Gottesdienst. Die jüdische Weise des antiphonalen Singens verschmolz in den ersten Jahrhunderten mit der griechischer Musiktheorie und ihren Modi, was zur Entwicklung einer eigenen liturgischen Gesangsform führte. Durch die gallischen und germanischen Einflüsse wurden diese altrömischen Kirchengesänge mit einem westeuropäischen Ausdruck geprägt. Papst Gregor der Große (540–608) sammelte alle Kirchengesänge, die im gesamten westeuropäischen Raum gepflegt wurden und fasste sie zu einem einzigen Kanon zusammen. Dabei lässt sich der Gregorianische Choral musikalisch durch seine Einstimmigkeit charakterisieren.2 Gregor hat also nicht selbst komponiert wie es die Legenden besagen, sondern vielmehr ist der Gesang ein Produkt aller Kulturen der antiken Welt (Palästina, Griechenland, Syrien und Rom). Vermutlich vollzog sich die eigentliche „Umformung des altrömischen Ritus zum Gregorianischen Choral während des Pontifikats des Papstes Vitalian (lebte von 657 – 672)3. Bis zum 9. Jahrhundert wurden die Gesänge mündlich überliefert und erst aufgrund des des anwachsenden Repertoires als Gedächtnisstütze verschriftlicht. Seine Blütezeit hatte der Gregorianische Choral vom 9.-11. Jahrhundert. Hier war es besonders die nach römischem Vorbild entstandene Schola Cantorum, welche zu einer Professionalisierung des Gesanges beitrug, wo gelernte Musiker anstatt des versammelten Volkes den Choral zu pflegen wussten.4 Nachdem die Kirche ab dem 11. Jahrhundert von Verweltlichung und innerer Auflösung heimgesucht wurde, verlor auch der Gregorianische Gesang seine ursprüngliche Kraft und Bedeutung. Es begannen sich andere Formen zu entwickeln, welche nur peripher auf dem Gregorianischen Choral aufbauten. Als herausragend ist hier der mehrstimmige Gesang (Polyphonie) anzuführen, welcher seinen Höhepunkt in der Zeit der Gegenreformation unter dem päpstlichen Hofkomponisten Palestrina hatte.5 Die große Renaissance des Gregorianischen Chorals setzte ab Mitte des 19. Jahrhunderts in der französischen Benediktinerabtei Solesmes unter dem dortigen Abt Dom Guéranger5 ein.6 Es ging hierbei um die Erfüllung der Aufforderung von Papst Pius X. (1903-1914), „den Gregorianischen Choral in seiner Vollständigkeit und Reinheit wieder herzustellen (,Motu Proprio‘, 1903)“7. Viele Klöster (besonders Beuron) folgten dem Vorbild von Solesmes. In der Liturgiekonstitution des II. Vatikanischen Konzils wird der Gregorianische Choral schließlich als der „der römischen Liturgie eigenen Gesang“ betrachtet und hat nach der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium in ihren liturgischen Handlungen „den ersten Platz“ inne.8

Laut dem Musikwissenschaftler Max Lütolf9 ist der Gregorianische Choral „nicht aus dem genialen Einfall eines Einzelnen entstanden, sondern das Ergebnis jahrhundertelangen Ringens um Geist und Form10. Nach Holger Peter Sandhofe11 hingegen hat der Choral einerseits das Ziel die „theologisch abstraktesten Wahrheiten sinnlich wahrnehmbar12 zu machen. Dabei gehören für ihn Liturgie und Gregorianik untrennbar zusammen, die als zwei sich „gegenseitig ergänzende Pole“ das Ganze, welches die „Verherrlichung Gottes“ ist, zusammenhalten.13 Andererseits unterstellt er der Entwicklung des Chorals sowie der Liturgie als solche eine Zielgerichtetheit, die besagt, dass beide schließlich „ein Gesamtkunstwerk im Dienste des Glaubens an den lebendigen Gott14 bilden. In ähnlicher Weise deutet auch Johannes Laas den Gregorianischen Choral, für den dieser seinem inneren Wesen nach Liturgie und Musik gleichermaßen ist15 und Martin Mosebach bringt es wie folgt auf den Punkt:

Demgegenüber ist das Band, das der Gregorianische Choral zwischen liturgischer Handlung und Gesang webt, so eng, daß sich Form und Inhalt nicht mehr lösen lassen. Die das Schreiten begleitenden Prozessionsgesänge des Introitus, des Graduale, des Offertoriums und der Communio, die Responsorien des Ordinariums, die das Priester- und das Laiengebet ineinanderflechten, und der rezitierende Gesangston der Lesungen und Orationen schaffen eine Stufenleiter des liturgischen Ausdrucks, auf der die Bewegungen, die Handlungen und Inhalte der Gebete zu einer vollendeten Übereinstimmung geführt werden.16


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Der Gregorianische Choral – eine praktische Einführung (Ein Vortrag von Dr. Johannes Laas)


Die wichtigsten Gregorianischen Choräle für das Kirchenjahr und seine Feste zum Anhören sowie weitere Informationen zur Gregorianik finden sich auf den folgenden Websites:


Gregorianische Gesänge
Kleiner Wegweiser durch den Gregorianischen Choral
Chant - Music For Paradise

Quellenangaben

  1. Vgl. Laas, Verstehen, 364.
  2. Vgl. Bucher, Gregorianischer Choral, 4.
  3. Ebd., 4.
  4. Vgl. ebd., 6.
  5. Vgl. ebd., 7f.
  6. Prosper-Louis-Pascal Guéranger (* 4. April 1805 in Sablé-sur-Sarthe; † 30. Januar 1875 in Solesmes) gilt als Erneuerer der französischen Benediktinerkongregation und Begründer einer liturgischen Bewegung im 19. Jhrdt. Zudem gründete er im Jahr 1833 die Benediktinerabtei Solesmes. Guéranger erstrebte hinsichtlich der Liturgie mit Erfolg die Einführung der römischen Liturgie an Stelle der einzelnen Diözesanriten und bekämpfte so die Sonderliturgien. (vgl. Bautz, Guéranger, 388).
  7. Vgl. Angenendt, Liturgik und Historik, 24f.
  8. Bucher, Gregorianischer Choral, 9.
  9. Vgl. SC 116.
  10. Max Lütolf (* 1934) ist ein Schweizer Musikwissenschaftler. Er promovierte 1967 im Fach Musik und die Habilitation erfolgte 1976. Lütolf ist Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Zürich (vgl. Autorenhandbuch Musik Version 2009/2010. <http://www.vek.de/ahb-l.htm>. Rev. 2009-07-02.).
  11. Lütolf, Choral, 130.
  12. Holger Peter Sandhofe (* 7. Januar 1972; † 24. Mai 2005 in Bonn) studierte Musikwissenschaft, Mittellatein und Geschichte in Bonn. Er ist Autor zahlreicher Publikationen im Bereich Gregorianik (vgl. Hartker Verlag (2008). <http://www.hartker.com/verlag/autoren.html>. Rev. 2009-07-02.).
  13. Sandhofe, Was ist Gregorianik?, 297.
  14. Vgl. Sandhofe, Was ist Gregorianik?, 298.
  15. Ebd., 298.
  16. Vgl. Laas, Verstehen, 340.
  17. Mosebach, Häresie der Formlosigkeit, 36.

Literaturverzeichnis

  • Angenendt, Arnold: Liturgik und Historik. Gab es eine organische Liturgie-Entwicklung? (Quaestiones Disputatae 189); Freiburg im Breisgau 2001.
  • Autorenhandbuch Musik Version 2009/2010. . Rev. 2009-07-02.
  • Bautz, Friedrich Wilhelm: Guéranger, Prosper-Louis-Pascal, In: Bautz, Friedrich Wilhelm (Hg.): Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon 2; Nordhausen 1990, 388.
  • Bucher, Stefan: Proseminararbeit, «Gregorianischer Choral in der Gemeinschaft der Mönche». <http://www.stefanbucher.net/gregorianik/gregorianik_arbeit.PDF>. Rev. 2009-07-06.
  • Hartker Verlag (2008). . Rev. 2009-07-02.
  • Laas, Johannes: Vom Verstehen sakraler Musik – Der Gregorianische Choral als universelle Sprache, In: Una Voce Korrespondenz 33 (2003), 339-366.
  • Lütolf, Max: Der gregorianische Choral, In: Una Voce Korrespondenz 16 (1986), 129-134.
  • Mosebach, Martin: Häresie der Formlosigkeit; Hamburg bei Reinbek 2019.
  • Sandhofe, Holger Peter: Was ist Gregorianik?, In: Una Voce Korrespondenz 29 (1999), 291-301.

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